Wenn Gott sich einmischt
27.06.2009 . 1 Kommentar
Heutzutage werden Lehrer und deren weibliche Pendants im Internet ja richtig schlecht gemacht, auch wenn sie gut sind. Roland Komet fängt an, Schluß damit zu machen. Als ich noch zur Schule ging hatte ich eine Lehrerin.
Wir Mittelstufenjugendlichen waren soeben dabei – getrieben von unserer unausweichlichen Pubertät – Gott in Frage zu stellen oder zumindest Gott ein paar Fragen zu stellen. Gott-sei-Dank gab es für uns Frau Schwiersch. Die hatte ihre Pubertät schon ein paar Jahrzehnte hinter sich und somit keine Probleme mehr, Gott in ihr Herz zu schließen und in ihren Alltag zu integrieren. Mit Beten zum Beispiel.
Doch dann, eines Mittwochs in den frühen achtziger Jahren stand sie vor uns und sprach:
“Liebe Gemeinde, äh Klasse, ab Montag bin ich nicht mehr für Euch da, denn dann bin ich in Afrika.”
Wir erinnern uns: das war zu einer Zeit, als immer wieder kleine, dicke afrikanische Babys gezeigt wurden, die aber großen Hunger haben sollten, und 12 Trilliarden Fliegen auf den Wangen sitzen hatten, ohne zu zucken.
Die Menge an Bildern ist heute irgendwie verschwunden. Der Hunger und die Fliegen leider nicht.
Frau Schwiersch fuhr fort, bevor sie fortfahren wollte:
“Da, in Afrika, will ich nämlich afrikanischen Kindern helfen. Darum hat der liebe Gott mich gebeten. Also: macht es gut und passt auf Euch auf!”
Weil wir es so gewohnt waren, antworteten wir spontan und im Kanon:
“Amen.”
Dann war Frau Schwiersch weg. Leider hat sie sich nicht, wie man es in einer heiligen Geschichte hätte erwarten können, in gleißendes Licht aufgelöst, sondern die Unterrichtsstunde noch zuende gemacht. Aber: ohne Hausaufgaben.
Am kommenden Montag war Frau Schwiersch dann wieder da und keiner hat Hausaufgaben gemacht, denn auf dem Weg zum Flughafen war sie mit ihrem dunkelblutroten VW Käfer von der Fahrbahn verschwunden.
“Liebe Schäfchen, äh Kinder, ich wollte ja nach Afrika, aber auf dem Weg zum Flughafen bin ich mit meinem Auto im Graben gelandet. Das war natürlich ein Zeichen Gottes. Ich soll mich wohl weiter um Euch kümmern, statt um die Kinder in Afrika.”
Mit einem friedlichen Lächeln auf ihren Lippen hörte sie uns – nicht zum letzten Mal – sagen:
“Amen.”

1 Kommentar ...
Markus Freise
am 27.06.2009
Ach. Frau Schwiersch.
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